Dorothea, wach auf!!! – Ein Nebenakt in “Autsch!”

Zunächst habe ich nicht reagiert. Klar – ich fühlte mich auch nicht angesprochen.

Ein zweites Mal: “Dorothea, wach endlich auf” wurde direkt neben mir geschrien.

“Willst Du nicht mit mir reden…?” Jetzt wurde an meinem Bett gerüttelt. Ein wenig irritiert drehte ich mich in meinem Bett nun um und konnte im Nachtlicht deutlich meinen Zimmernachbarn erkennen.

Doch lasst uns kurz einen Blick auf den gestrigen Tage werfen: Ich war ja sehr happy darüber, dass ich als Kassenpatient quasi Privilegien von Privatpatienten hatte. So wurde aufgrund des Austauschs meines Betts aus einem Dreibettzimmer ein Zweibettzimmer. (Ich verstehe das zwar noch immer nicht wirklich, denn das neue Bett ist nur minimal breiter und das dritte Bett würde locker hinein passen… aber okay.. vielleicht können die das dann für das Krankenhaus vorteilhaft abrechnen. )

Jedenfalls habe ich gestern Abend dann noch einen neuen Zimmernachbarn bekommen. Einen älteren Herrn, der sich die Schulter gebrochen hatte. Anhand der Art, wie sein Angehöriger mit ihm umging, hatte ich schon den leisen Verdacht, dass der Herr dement war. Es sollte sich bestätigen.

Während des Einschlafens redete er pausenlos, meist zu seiner (nicht anwesenden Frau) und das sogar in deutsch, englisch und ich vermute spanisch. Ich hab mir, weil mich die Müdigkeit nicht überkommen wollte, meine Ohrhörer eingesteckt und Musik angemacht… irgendwann bin ich dann auch eingeschlafen.

Eben bis zu dem Zeitpunkt, dass der demente Herr an meinem Bett stand und mir zurief “Dorothea, WACH AUF!”

Ich war zunächst erschrocken, dann ein wenig wütend ob der nächtlichen Weckung und es war schwer dies im Zaum zu halten.

Ich regte mich, drehte mich um und lies nur kurz verlauten:” Ich bin nicht Dorothea!” Ich gebe zu, es war wirklich nur knapp. Auf seine Frage, wo er denn sei hatte ich schon gar nicht mehr geantwortet. Der Schwesternruf (Ihr wisst schon die Schelle am Bett mit der man Hilfe holt) hatte ich bereits gedrückt.

Kurz darauf kam dann auch schon die Nachtschwester und geleitete ihn ins Bett. Sie erklärte ihm mehrfach wo er war, und was mit ihm geschehen war.

(Demenz ist schlimm!)

Also schlief ich wieder ein… hatte ja noch genug Schmerzmittel intus.

Eine gute halbe Stunde später, es war wohl schon knapp vier Uhr, wurde jedoch wieder an meinem Bett gerüttelt. Diesmal jedoch nicht, weil ich mit seiner Ehefrau verwechselt wurde… nein, der alte Mann wollte auf die Toilette. Ich merkte schon, dass er etwas hinter sich her schliff. Er verschwand auf der Toilette im Nebenraum und ich bemerkte einen komischen Geruch… Ja den Geruch von Urin… LECKER… (NICHT)!!! Ich habe dann erneut den Schwesternruf betätigt und die Nachtschwester hat zunächst sich dann um den dementen Herrn gekümmert. Nachdem sie ihn ins Bett gebracht hatte wollte sie schon verschwinden.

Ich bat sie, doch noch kurz zu mir ans Bett zu kommen und wies auf den mittlerweile extremen Geruch hin… ” Ist mir auch schon aufgefallen,” entgegnete sie. Sie ging kurz raus und kam mit einem Paket Zellstofftüchern wieder… Sie flutete den Raum mit Licht und wischte auf Knie den verteilten Urin auf. Ich hatte in diesem Moment echt Mitleid mit ihr.

Kurze Erklärung…. der ältere Herr hat wohl einen Dauerkatheter mit externem Urinbeutel, welche am Bett befestigt war. Beim Aufstehen hat er wohl den Beutel unsanft vom Bett gezogen, sodass der Verschluss aufging und der Inhalt über den Boden verteilt wurde…

Nachdem ich dann irgendwann wieder eingeschlafen bin, der Uringeruch wollte meiner Nase nicht entweichen, wurde ich dann Morgens um sechs von meinem Nachbarn durch Herumgemecker und Gefluche geweckt. Nachdem ich ihm bestimmt fünf Mal erklärte, wo er sei und warum keiner mit ihm rede und ihm alles erkläre habe ich es aufgegeben … Er wurde zunehmend lauter und aggressiver in der Stimme… Es kamen wieder meine Ohrhörer zum Einsatz.. ich hoffte, dass die Pfleger btw. Krankenschwestern bald kämen… Das kamen sie dann auch… pünktlich um sieben Uhr.

Nachdem sie ihm dann auch mehrmals erklärten, was vor sich ging, beruhigte er sich dann auch endlich.

Im Laufe des Vormittag hat sich dann herausgestellt, dass mich mein Zimmernachbar dann auch bald verlassen würde, da er privat versichert sei und daher in ein anderes Zimmer käme… Hätte ich tanzen können, so hätte ich einen Freudentanz aufgeführt, der dem Marienhospital noch lange in Erinnerung geblieben wäre.

Und ich habe mich wirklich gefreut, als er dann auch irgendwann verlegt wurde.

– – –

Ich muss hier jetzt aber was klarstellen: Ich war vielleicht kurzzeitig wütend, schnippig und auch leicht aggressiv, aber ich konnte es nicht lange sein, denn der alte Mann litt, wie ich es bereits erklärte an Demenz. Daher ist mein Groll auch schnell verpufft.

Demenz ist wirklich eine heimtückische Bestie, schleicht sich unbemerkt an und frisst Dich ganz auf. Ich kann nur hoffen, dass dies mir nicht geschieht, denn ich möchte nicht ansatzweise solch eine Last sein, wie es der alte Mann mir gegenüber war… und das war ja nur für eine Nacht…

Also.. bis dahin…

Bernd

Author: Bernd R. Franke

Bernie ist ein spätes Winterkind aus dem Jahre 1980. Verheiratet ist er glücklich mit der Mutter seiner fünf Kinder. Hobbies: Nachdenken, Schreiben und Sport. Sein Lieblingsgenres sind SciFi, Fantasy und Erotik.

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